Wenn es um Progressive Rock geht, ist NEAL MORSE nun wirklich das, was man als eine absolute Bank bezeichnet. Seit mittlerweile fast zehn Jahren ist der Mann im Geschäft und bringt dabei quasi permanent neue Alben raus. Damit haben wir aber auch schon ein kleines Problem, denn dem guten NEAL MORSE will sicherlich niemand sein Können absprechen, aber wie sehr kann man sich eigentlich weiterentwickeln, wenn man sich selbst kaum Zeit zur Entwicklung lässt? Dabei klingt das neue Album "Sola Scriptura" natürlich sehr nach Progressive Rock, das tut es bei diesem Mann nur halt immer, was trotz dieses Genres auch nur eine begrenzte Bandbreite zulässt.
In diesem Album geht es thematisch um die Geschichte Martin Luthers, der bekanntlich als Begründer des modernen Graffiti gilt und gleichzeitig eine neue Religionsbewegung startete. Dass sich NEAL MORSE selbst der Religion verschrieben hat und auch gerne ein paar Textzeilen zu seinem Gott und Jesus verliert ist ja nicht neu. Inwiefern man sich als Hörer damit anfreunden kann ist die andere Frage, mir persönlich geht es unheimlich auf den Keks, weil ich Musik hören und nicht dauernd bekehrende Phrasen über mich ergehen lassen möchte. Wenn ich das wollte, könnte ich ja schließlich auch in die Kirche gehen anstatt vor der Anlage zu sitzen. Man muss sich halt entweder damit anfreunden bzw. drüber hinweg hören oder die Finger von ihm lassen.
Trotz der langen Spielzeit von "Sola Scriptura" von immerhin 76 Minuten sind es gerade einmal vier Songs geworden, von denen drei die Viertelstunden-Marke knacken und einer sogar knappe 30 Minuten lang ist. Inwiefern das notwendig war ist sich die Frage, die sich irgendwie aufdrängt, denn diese Songs von epischer Länge bestehen aus unterschiedlichen Parts mit wenig Gemeinsamkeiten, die auch keine wiederkehrenden Elemente aufweisen - im Grunde hätte man also auch mehrere Songs draus machen können. Sei es drum, es sind ja keine abrupten Übergänge zwischen den Parts sondern alles fließt ineinander über und stört auch nicht. NEAL MORSE bedient sich dabei vieler Mittel, klingt mal spanisch oder sogar orientalisch dann wechseln sehr ruhige, sanfte Parts mit kräftigen, fast Heavy-Parts und das alles mit hochklassiger Instrumentalarbeit.
Souverän wird die gesamte Bandbreite eines Progressive Rock ausgenutzt, mit durchaus eleganten Mitteln. Dennoch gibt es einige Sachen an denen man sich stößt, zum Beispiel daran, dass man sich an nichts stößt - klingt komisch, ist aber so, das ganze Album wirkt mir persönlich musikalisch irgendwie zu glatt, zu souverän.
Dazu kommen die echt penetranten Texte, die weder zweifelhaft oder polarisierend noch sonst etwas sind, sondern einfach nur nervtötend und auch glaubenstechnisch in eine Tiefe gehen, die jeder nach einer Religionsstunde verstanden hat. Trotzdem muss man ganz klar sagen, das sind alles Luxusprobleme, was hier geboten wird ist einfach gut, wenn es auch nicht vom Hocker reißt.
(rd) |